Hildegard von Bingen: 10 alte Weisheiten, die heute erstaunlich modern wirken

Was können wir von einer Frau lernen, die vor fast 900 Jahren lebte?

Wenn heute von Hildegard von Bingen die Rede ist, fallen schnell Begriffe wie Kräuter, Ernährung, Naturheilkunde oder „Hildegard-Medizin“. Doch Hildegard war weit mehr als eine mittelalterliche Kräuterkundige.

Sie war Äbtissin, Visionärin, Schriftstellerin, Komponistin und eine außergewöhnlich gebildete Frau ihrer Zeit. Zwischen 1098 und 1179 lebte sie in einer Welt, in der Krankheit, Natur, Ernährung, Religion und das menschliche Leben noch nicht in die getrennten Bereiche aufgeteilt waren, die wir heute kennen.

Besonders interessant sind ihre natur- und heilkundlichen Schriften, die später unter den Namen „Physica“ und „Causae et curae“ bekannt wurden. Darin beschäftigte sie sich mit Pflanzen, Tieren, Steinen, Ernährung, Krankheiten und dem Verhältnis von Mensch und Natur. Die Texte sind allerdings in mittelalterlichen Handschriften überliefert und müssen entsprechend historisch eingeordnet werden.

Und trotzdem gibt es Gedanken darin, bei denen man heute unwillkürlich innehält.

Denn manche ihrer Vorstellungen erinnern erstaunlich stark an Fragen, die uns auch heute beschäftigen:

Wie leben wir gesund?
Wie gehen wir mit unserer Energie um?
Was essen wir?
Wie viel Ruhe brauchen wir?
Welche Bedeutung hat die Natur für unser Leben?

Hier sind zehn Gedanken aus ihrem Weltbild, die heute wieder interessant erscheinen.


1. Der Mensch ist Teil der Natur – nicht ihr Gegenüber

Eine der faszinierendsten Eigenschaften von Hildegards Weltbild ist die enge Verbindung zwischen Mensch und Natur.

Für sie existierten Mensch, Tiere, Pflanzen und die übrige Schöpfung nicht als voneinander getrennte Welten. In ihrem Denken stehen sie miteinander in Beziehung. Die Natur ist nicht bloß eine Ansammlung von Dingen, die der Mensch benutzen kann.

Das passt erstaunlich gut zu unserem heutigen Bedürfnis nach einem Leben, das wieder näher an natürlichen Kreisläufen liegt.

Wir sprechen heute von Naturverbundenheit, Waldbaden, Gartenarbeit, saisonaler Ernährung oder davon, mehr Zeit draußen zu verbringen.

Hildegards Denken war natürlich ein anderes. Es beruhte auf einem mittelalterlichen christlichen Weltbild und nicht auf moderner Ökologie.

Aber die Grundidee ist spannend:

Der Mensch lebt nicht außerhalb der Natur. Er ist ein Teil von ihr.

Vielleicht ist genau das eine der ältesten und zugleich zeitlosesten Erkenntnisse.


2. Die „Viriditas“ – die geheimnisvolle Grünkraft

Kaum ein Begriff ist so eng mit Hildegard verbunden wie Viriditas.

Das lateinische Wort lässt sich ungefähr mit „Grünkraft“ oder „grüne Lebenskraft“ wiedergeben. In Hildegards Weltbild steht es für eine lebensspendende, wachstumsfördernde Kraft. Das Bild des Grünen – des Sprießens, Blühens und Wachsens – zieht sich durch ihre Gedankenwelt.

Wenn im Frühling die ersten Pflanzen aus der Erde kommen, können wir dieses Bild noch heute unmittelbar verstehen.

Ein vertrockneter Garten wirkt leblos.

Ein Garten voller junger Triebe dagegen wirkt lebendig.

Und genau dieses Bild lässt sich auch auf den Menschen übertragen – zumindest als Metapher:

Wann fühlen wir uns lebendig?

Wann blühen wir auf?

Wann fühlen wir uns innerlich „grün“?

Heute würden wir vielleicht von Lebensfreude, Vitalität, Regeneration oder innerer Lebendigkeit sprechen.

Hildegard hatte dafür ein anderes Wort:

Viriditas.


3. Essen sollte nicht nur satt machen

Hildegards naturkundliche und medizinische Schriften beschäftigen sich ausführlich mit Nahrung und ihrer Wirkung im damaligen medizinischen Weltbild. Dabei begegnet uns eine Vorstellung, die heute wieder sehr vertraut klingt:

Nahrung hat eine Bedeutung für das Wohlbefinden.

Für Hildegard war Ernährung Teil einer umfassenden Lebensordnung. Lebensmittel wurden nach den damaligen Vorstellungen bestimmten Eigenschaften zugeordnet und in ein System aus Körper, Natur und Lebensführung eingeordnet.

Heute wissen wir natürlich wesentlich mehr über Nährstoffe, Stoffwechsel, Vitamine, Ballaststoffe und die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung.

Trotzdem ist der Gedanke interessant, Lebensmittel nicht nur nach Kalorien zu betrachten.

Eine warme Suppe an einem kalten Herbstabend.

Ein selbst gebackenes Brot.

Frische Kräuter aus dem Garten.

Ein gemeinsames Essen ohne Handy am Tisch.

Essen kann mehr sein als reine Energiezufuhr.

Es kann auch Kultur, Genuss, Gemeinschaft und ein kleines tägliches Ritual sein.


4. Maßhalten statt Extreme

Hildegards Welt war stark von der mittelalterlichen Vorstellung von Maß und Ordnung geprägt.

Und gerade der Gedanke des Maßhaltens wirkt heute erstaunlich aktuell.

Unsere moderne Welt kennt häufig das Gegenteil:

mehr leisten, mehr konsumieren, mehr erreichen, schneller werden.

Gleichzeitig erleben wir einen starken Gegentrend: Menschen suchen nach Entschleunigung, Minimalismus, bewusster Ernährung und einem einfacheren Alltag.

Hildegards Denken lässt sich hier interessant lesen – allerdings nicht als moderne Selbstoptimierung.

Es geht vielmehr um eine ausgewogene Lebensführung.

Nicht alles, was möglich ist, muss ständig getan werden.

Nicht jede Mahlzeit muss perfekt sein.

Nicht jeder Tag muss maximal produktiv sein.

Vielleicht liegt genau darin eine zeitlose Erkenntnis:

Gesund leben bedeutet nicht, alles perfekt zu machen. Es bedeutet, ein gutes Maß zu finden.


5. Die Natur ist voller Wissen

Hildegards „Physica“ beschreibt eine beeindruckende Vielfalt an Pflanzen und anderen Naturdingen. Überliefert sind unter anderem zahlreiche Pflanzenbeschreibungen; der heutige Forschungsstand weist allerdings auch auf schwierige Pflanzenidentifikationen und eine komplexe Überlieferung der Texte hin.

Trotzdem zeigt das Werk etwas sehr Schönes:

Hildegard schaute genau hin.

Welche Pflanze wächst wo?

Wie sieht sie aus?

Welche Eigenschaften werden ihr zugeschrieben?

Wie kann sie verwendet werden?

Was unterscheidet eine Pflanze von einer anderen?

Heute erleben wir eine neue Begeisterung für genau dieses Beobachten.

Menschen legen Kräutergärten an.

Sie sammeln Wildkräuter.

Sie lernen Pflanzen anhand ihrer Blätter und Blüten kennen.

Sie entdecken wieder, dass Löwenzahn, Brennnessel, Gänseblümchen oder Spitzwegerich nicht einfach „Unkraut“ sind.

Das macht Hildegards Naturkunde auch heute noch faszinierend.

Nicht, weil jede mittelalterliche Aussage wissenschaftlich bestätigt wäre.

Sondern weil sie uns daran erinnert, genauer hinzusehen.


6. Der Körper und die Seele gehören zusammen

Hildegard trennte den Menschen nicht so selbstverständlich in „Körper“ auf der einen und „Psyche“ auf der anderen Seite, wie wir es in vielen modernen Bereichen tun.

Ihr Menschenbild war umfassend und stark religiös geprägt. Körper, Seele, Natur und Kosmos standen in ihrem Denken miteinander in Beziehung. Die Deutsche Biographie beschreibt genau diese Verbindung von Mensch, Natur, Leib und Seele als einen zentralen Bestandteil ihres Weltbildes.

Heute sprechen wir vielleicht von ganzheitlichem Wohlbefinden.

Wir wissen inzwischen, dass Schlaf, Stress, Bewegung, soziale Beziehungen und Ernährung miteinander verbunden sein können.

Dabei sollten wir mittelalterliche Vorstellungen natürlich nicht einfach mit moderner Medizin gleichsetzen.

Aber als Lebensfrage bleibt der Gedanke spannend:

Wie geht es meinem ganzen Menschen – nicht nur meinem Körper?

Vielleicht brauchen wir manchmal nicht noch einen weiteren Gesundheitstipp.

Vielleicht brauchen wir zuerst eine Pause.


7. Ruhe gehört zum Leben

In einer Zeit, in der ständig etwas auf uns wartet, bekommt der alte Gedanke von Ruhe eine neue Bedeutung.

Hildegards Lebenswelt war selbstverständlich eine andere als unsere. Trotzdem gehört zu ihrem Verständnis eines geordneten Lebens auch die Vorstellung von Maß, Rhythmus und einer sinnvollen Lebensführung.

Heute wissen wir, dass Schlaf und Erholung wichtige Bestandteile des körperlichen und psychischen Wohlbefindens sind.

Und trotzdem fällt uns das Ausruhen häufig schwer.

Wir betrachten einen freien Nachmittag als „unproduktiv“.

Wir fühlen uns schuldig, wenn wir nichts erledigen.

Wir greifen automatisch zum Smartphone.

Vielleicht liegt eine moderne Interpretation von Hildegards Lebenskunst deshalb ganz schlicht darin:

Nicht jede freie Minute muss gefüllt werden.

Manchmal darf ein Nachmittag einfach ein Nachmittag sein.


8. Kleine Rituale können dem Alltag Struktur geben

Hildegards Welt war voller Rituale.

Gebete, Jahreszeiten, Mahlzeiten, Kräuter, Musik und das Leben im Kloster folgten bestimmten Rhythmen.

Unser heutiger Alltag ist dagegen häufig von wechselnden Arbeitszeiten, Nachrichten, Terminen und digitalen Unterbrechungen geprägt.

Vielleicht erklärt das, warum Rituale wieder so beliebt sind.

Ein Tee am Abend.

Ein Spaziergang nach dem Essen.

Ein paar Minuten im Garten.

Das Öffnen des Fensters am Morgen.

Eine Kerze beim Abendessen.

Ein Bad am Wochenende.

Solche Dinge sind keine medizinischen Maßnahmen.

Aber sie können einen Alltag strukturieren und bewusst machen.

Und genau darin liegt ihre Schönheit:

Ein Ritual muss nicht groß sein, um Bedeutung zu bekommen.


9. Die Jahreszeiten dürfen unseren Alltag beeinflussen

Heute können wir im Januar Erdbeeren kaufen und im Dezember Tomaten essen, die um die halbe Welt transportiert wurden.

Hildegards Lebenswelt kannte diese Möglichkeit nicht.

Das Leben war wesentlich stärker an Jahreszeiten und regionale Verfügbarkeit gebunden.

Für uns bedeutet das nicht, dass wir zurück ins Mittelalter müssen.

Aber saisonales Leben kann eine wunderbare Form von Entschleunigung sein.

Im Frühling junge Kräuter.

Im Sommer Beeren und Salate.

Im Herbst Äpfel, Kürbis und Wurzeln.

Im Winter wärmende Suppen, Getreidegerichte und eingemachtes Obst.

Gerade für einen Naturgarten ist dieser Gedanke wunderschön:

Nicht jede Jahreszeit muss alles liefern.

Jede Jahreszeit darf ihre eigenen Schätze haben.


10. Gesundheit beginnt auch mit der Art, wie wir leben

Vielleicht ist das die interessanteste Verbindung zwischen Hildegard und unserer Gegenwart.

Ihre natur- und heilkundlichen Schriften beschreiben nicht nur einzelne Pflanzen. Sie verbinden Ernährung, Natur, Körper, Krankheiten und Lebensführung mit einem umfassenden Weltbild.

Dabei dürfen wir nicht vergessen:

Hildegard war keine Ärztin im heutigen wissenschaftlichen Sinn.

Die Medizin des 12. Jahrhunderts beruhte auf anderen Vorstellungen als unsere heutige Medizin. Dazu gehörten unter anderem die damals verbreitete Lehre von den Körpersäften und andere mittelalterliche Erklärungsmodelle.

Deshalb wäre es falsch, ihre Aussagen einfach als moderne medizinische Empfehlungen zu übernehmen.

Interessant ist vielmehr die Frage:

Was können wir aus ihrem Denken über ein bewusstes Leben lernen?

Natur wahrnehmen.

Essen wertschätzen.

Maß halten.

Ruhe zulassen.

Rituale pflegen.

Den eigenen Körper ernst nehmen.

Die Jahreszeiten erleben.

Und immer wieder innehalten.


Was Hildegard uns heute wirklich sagen kann

Hildegard von Bingen lebte vor fast neun Jahrhunderten.

Ihre Welt war eine völlig andere als unsere.

Sie verfügte weder über moderne Medizin noch über Mikroskope, Labordiagnostik oder unser heutiges Wissen über Ernährung und Physiologie.

Und gerade deshalb sollten wir ihre Schriften nicht als moderne Gesundheitsratgeber lesen.

Viel spannender ist es, sie als historisches Fenster in eine andere Vorstellung vom Menschen und von der Natur zu betrachten.

Ihre „Physica“ und „Causae et curae“ zeigen, wie eng Naturbeobachtung, Ernährung, Krankheit, Lebensführung und religiöses Weltbild im Mittelalter miteinander verbunden waren.

Dabei ist auch wichtig zu wissen, dass die Überlieferung ihrer naturkundlichen Schriften kompliziert ist. Es gibt keine erhaltene kritische Originalfassung, und manche Pflanzen lassen sich heute nicht eindeutig mit modernen botanischen Arten gleichsetzen.

Das macht Hildegard für mich aber nicht weniger interessant.

Im Gegenteil.

Es macht die Beschäftigung mit ihr spannender.

Denn wir müssen nicht alles glauben, was ihr zugeschrieben wird.

Wir können fragen:

Was schrieb Hildegard tatsächlich?

Was stammt aus späteren Jahrhunderten?

Was gehört in das mittelalterliche Weltbild?

Und:

Welche Gedanken können wir heute neu betrachten, ohne sie zu verfälschen?

Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz alter Weisheiten.

Sie müssen nicht modern gemacht werden.

Manchmal reicht es, sie neu zu lesen.


Hildegards vielleicht schönste Idee: wieder lebendig werden

Wenn man einen Gedanken aus ihrem Weltbild besonders hervorheben möchte, dann ist es für mich das Bild der Viriditas – der Grünkraft.

Nicht als medizinische Theorie.

Sondern als wunderschönes Bild.

Für das erste Grün im Frühling.

Für eine Pflanze, die nach dem Winter wieder austreibt.

Für einen Garten, der nach dem Regen plötzlich lebendig wirkt.

Und vielleicht auch für uns selbst.

Denn auch Menschen kennen Zeiten, in denen sie sich kraftlos, erschöpft oder abgeschnitten fühlen.

Und dann gibt es diese anderen Momente:

Man wacht morgens auf und fühlt sich leicht.

Man geht in den Garten.

Man kocht mit frischen Kräutern.

Man lacht mit jemandem, den man liebt.

Man geht durch einen Wald und atmet plötzlich tiefer.

Man beginnt etwas Neues.

Man fühlt wieder Leben.

Vielleicht ist das eine zeitlose Botschaft, die wir aus Hildegards Welt mitnehmen können:

Bewahre das Grüne in dir.

Nicht als Rezept.

Nicht als Heilsversprechen.

Sondern als Erinnerung daran, dass Leben immer auch Wachstum, Wandel und Erneuerung bedeutet.


Und vielleicht ist genau das heute erstaunlich modern.

Nicht schneller werden.

Sondern bewusster.

Nicht immer mehr.

Sondern das richtige Maß.

Nicht alles kontrollieren.

Sondern wieder beobachten.

Nicht getrennt von der Natur leben.

Sondern sich als Teil von ihr begreifen.

Hildegard von Bingen hätte unsere heutige Welt vermutlich kaum wiedererkannt.

Aber einige unserer Fragen hätte sie wahrscheinlich verstanden.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir fast 900 Jahre später noch immer über sie sprechen.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert